Auf ein Neues: Silvester im Film

von Nadine

Gute Vorsätze, neue Hoffnungen, grosse Emotionen – all das verbindet man mit der Silvesternacht, in der wir dem alten Jahr auf Wiedersehen sagen und das neue begrüssen. Dass neben positiven Erfahrungen auch unangenehme Erlebnisse an diesem mit Bedeutung aufgeladenen Datum warten können, zeigt die nachfolgende Liste mit Filmen, die an oder um Silvester spielen bzw. den Jahresausklang prominent in ihre Handlung einbetten.

„Boulevard der Dämmerung“ (1950)

Darum geht’s: Der leblos im Swimmingpool einer alten Hollywood-Villa treibende Drehbuchschreiber Joe Gillis (William Holden) berichtet in einem Rückblick aus dem Jenseits, wie es zu seinem grausigen Ende kam: Als der wenig erfolgreiche Autor durch Zufall auf dem Grundstück der früheren Leinwandlegende Norma Desmond (Gloria Swanson) landet, gewinnt er die Gunst der von einem grossen Comeback träumenden Schauspielerin. Nutzt er zunächst aus, dass sie ihn bei sich aufnimmt und aushält, zeigen sich jedoch bald die Schattenseiten ihrer eigenartigen Liaison. Bei einer bizarren Silvesterparty wird dem glücklosen Joe bewusst, dass er sich eigentlich von Norma lösen müsste.

Klassiker mit sarkastischem Blick auf die Filmindustrie: Billy Wilders „Boulevard der Dämmerung“ verhandelt gleich mehrere unschöne Hollywood-Wahrheiten. Gillis ist die Verkörperung eines der vielen Menschen, die in der US-Filmhauptstadt ihr Glück versuchen, allerdings schnell um ihre Existenz kämpfen. Die tragische Figur Normas steht erstens für den unrühmlichen Umgang mit Schauspielerinnen, die im fortgeschrittenen Alter plötzlich nur noch wenige Rollenangebote erhalten. Zweitens beschreibt der Film an ihrem Beispiel den Wandel im Hollywood-System. War sie einst, zur Stummfilmzeit, ein gefeierter Star, erleidet sie nach dem Wechsel zum Tonfilm einen herben Karriereabsturz. Jenseits der sarkastischen Auseinandersetzung mit Schein und Sein der Kinoindustrie zeichnet „Boulevard der Dämmerung“ auch das präzise Bild einer toxischen Beziehung – und besitzt eine der wohl gespenstischen Silvesterfeiern der Filmgeschichte.

Nancy Olson and William Holden in Boulevard der Dämmerung (1950) © IMDb

„Frankie und seine Spiessgesellen“ (1960)

Darum geht’s: Elf Männer, die gemeinsam im Zweiten Weltkrieg im Einsatz waren, wollen fünf Casinos in der Glückspielhauptstadt Las Vegas ausrauben und den Trubel der Silvesternacht für ihren grossen Coup nutzen, den sie von langer Hand planen. Sieht es zunächst danach aus, als würde alles glattlaufen, kommen die Ganoven am Ende doch ins Schwitzen und müssen sich ein gutes Versteck für das entwendete Geld überlegen.

Launiges Ensemblestück: In seinem nicht sehr anspruchsvollen, aber luftig-locker arrangierten Heist-Movie, das den feierlichen Übergang ins neue Jahr als Chance für einen unbemerkten Diebstahl begreift, versammelt Lewis Milestone eine Schar an Stars, unter denen sich mit Frank Sinatra, Dean Martin, Sammy Davis Jr., Peter Lawford und Joey Bishop fünf Mitglieder der informellen Rat-Pack-Clique befinden. „Frankie und seine Spiessgesellen“ oder „Ocean’s 11“, wie der mit einer herrlich sarkastischen Pointe endende Film im Original heisst, diente Steven Soderbergh als Vorlage für seine eigene „Ocean’s“-Reihe, in der sich ebenfalls zahlreiche heutige Leinwandgrössen tummeln. 

Frank Sinatra, Norman Fell, Dean Martin, Richard Conte, Sammy Davis Jr., Richard Benedict, Joey Bishop, Clem Harvey, Peter Lawford, Buddy Lester, Henry Silva, and Akim Tamiroff in Ocean’s Eleven (1960) © IMDb

„Harry und Sally“ (1989)

Darum geht’s: Am Anfang steht eine Fahrgemeinschaft. Nach ihrem Abschluss an der Universität von Chicago treten Harry Burns (Billy Crystal) und Sally Albright (Meg Ryan) im Auto die Reise nach New York an, wo die beiden die nächsten Schritte ihrer beruflichen Laufbahn gehen wollen. Unterwegs diskutieren sie immer wieder über ihre unterschiedlichen Ansichten, was die Beziehung zwischen Frauen und Männern betrifft. Fünf Jahre nachdem sie im Big Apple im Unfrieden auseinandergegangen sind, treffen sich Harry und Sally zufällig auf einem Flug wieder und finden noch immer keine gemeinsame Basis. Weitere fünf Jahre später kommt es zu einer Begegnung in einem New Yorker Buchladen. Und kurz darauf beschliessen sie endlich, Freunde zu werden. Ihr Verhältnis entwickelt sich allerdings langsam noch in eine andere Richtung.

RomCom-Meilenstein: Die um Freundschaft, Liebe und Sex kreisenden Gespräche in „Harry und Sally“ sind wunderbar pointiert und liefern den bestens aufgelegten Hauptdarstellern zahlreiche Vorlagen, um mit Spielwitz zu punkten. Besondere Bedeutung in der wendungsreichen, von Rob Reiner unaufdringlich in Szene gesetzten Geschichte haben zwei Silvesterpartys, an denen die Protagonisten ihren wahren Emotionen ins Auge blicken. Das Ende mag, anders als viele vorherige Passagen, am Kitsch kratzen. Als Abschluss der turbulenten, teilweise auch geistreichen Beziehungskiste fühlt es sich dennoch absolut verdient an.

Meg Ryan and Billy Crystal in Harry und Sally (1989) © IMDb

„Strange Days“ (1995)

Darum geht’s: Kurz vor dem Übergang ins Jahr 2000 wird der ehemalige Cop Lenny Nero (Ralph Fiennes), der sich inzwischen als Dealer verbotener, aber heiss begehrter Aufnahmen von Wahrnehmungen und Gefühlen anderer Menschen verdingt, in den Mord an einer Prostituierten verwickelt. Während die Millenniumsfeierlichkeiten immer näher rücken, will Lenny Licht ins Dunkel bringen – auch, um seine eigene Haut zu retten.

Furioser Blick in die nahe Zukunft: In ihrer Mischung aus Science-Fiction-Kracher, Film noir und Kriminalthriller skizziert Kathryn Bigelow, zusammen mit ihren Drehbuchautoren James Cameron und Jay Cocks, vor dem Hintergrund des viel diskutierten Jahrtausendwechsels ein beklemmendes Zukunftsszenario, das einige historische Ereignisse aufgreift, etwa die Unruhen in Los Angeles von 1992, und manch besorgniserregende Tendenzen zuspitzt. Rassismus, Machtmissbrauch und der von den visuellen Medien befeuerte Voyeurismus sind zentrale Themen dieses in der Kritik seinerzeit kontrovers diskutierten Films, der vor allem auf technischer und atmosphärischer Ebene überzeugt. 

Strange Days (1995) © IMDb

„Fruitvale Station“ (2013)

Darum geht’s: Der kleinkriminelle Afroamerikaner Oscar Grant (Michael B. Jordan) will sein Leben endlich in den Griff kriegen und verspricht seiner Freundin Sophina (Melonie Diaz), im neuen Jahr Verantwortung zu übernehmen und für sie und ihre gemeinsame Tochter Tatiana (Ariana Neal) da zu sein. Den Silvesterabend des Jahres 2008 möchte das Paar, gemeinsam mit seiner Clique, in San Francisco feiern und fährt auf Anraten von Oscars Mutter Wanda (Octavia Spencer) mit dem Zug in die Westküstenmetropole. Auf der Rückreise in der Nacht des ersten Januars kommt es in der Bahn zu einer körperlichen Auseinandersetzung, an der Grant beteiligt ist. Die herbeigerufenen Polizisten sind mit der Situation komplett überfordert. Und nur wenig später liegt Oscar mit einem Schuss in den Rücken blutend auf dem Bahnsteig.

Eindringliches Tatsachendrama: An den Anfang seines kompakten, schnörkellos inszenierten Regiedebüts, das dem Silvestertrubel eine bedrückende Note verleiht, stellt Ryan Coogler echte Videoaufnahmen des tödlichen Vorfalls und schwört den Zuschauer damit auf die anschliessende schmerzhafte Rekonstruktion der letzten 24 Stunden im Leben des Oscar Grant ein. In wackeligen, den Figuren auf die Pelle rückenden Handkamerabildern zeichnet „Fruitvale Station“ die sprachlos machenden Ereignisse nach, vermeidet es dabei, den Protagonisten zu verklären, und illustriert überzeugend den in der US-Gesellschaft nach wie vor grassierenden Alltagsrassismus und die immer mal wieder in den Fokus rückende  Polizeigewalt gegen Schwarze. Grants Tod und die nachfolgenden Proteste gelten als wichtige Vorläufer der Bewegung „Black Lives Matter“, die 2013 ins Leben gerufen wurde.

Kevin Durand and Michael B. Jordan in Fruitvale Station (2013) © The Weinstein Company