Bescheidenheit ist keine Zier: Keanu Reeves

von Nadine

Im Filmbusiness, erst recht in der Traumfabrik Hollywood, tummeln sich nicht wenige Selbstdarsteller. Menschen, denen jede Bühne recht ist. Die keine Gelegenheit auslassen, ihre Strahlkraft zu beweisen. Deren Gesichter ständig in den Klatschspalten erscheinen. Die auf irgendeine Weise von sich hören machen, selbst wenn gerade kein neuer Kinostart beworben werden muss. Dass es auch anders geht, zeigt seit vielen Jahren der Leinwandstar Keanu Reeves, der gelassen über dem üblichen Branchenrummel zu stehen scheint: Höflich, bodenständig, grosszügig und von Skandalen frei. So nimmt die Welt den im libanesischen Beirut geborenen Kanadier mit hawaiianischen Wurzeln wahr, der spätestens mit „Speed“ (1994) international bekannt wurde und durch die kurz vor Weihnachten in eine vierte Runde gehende „Matrix“-Reihe echten Kultstatus erlangte. 

Keanu Reeves in Speed (1994) © IMDb

Als Computerhacker Neo, dem unverhofft die messianische Aufgabe zufällt, die in einer simulierten Realität von Maschinen versklavte Menschheit zu retten, schrieb sich der Schauspieler 1999 mit „The Matrix“ in die Filmgeschichte ein. Der von den Wachowski-Schwestern (die damals noch Brüder waren) inszenierte Mix aus düsterer Dystopie und asiatisch angehauchtem Actionkino verbindet geschickt philosophische Überlegungen, Mystik und Spektakel und bescherte dem an den Einnahmen beteiligten Reeves ein Vermögen, das er – so ist immer wieder zu lesen – gerne in gute Zwecke investiert.  

Keanu Reeves in The Matrix (1999) © Warner Brothers

Während ihn die Netzgemeinde seit geraumer Zeit für seine selbstlosen Taten und sein unprätentiöses Auftreten in Memes feiert, macht er selbst wenig Aufheben darum, dass er unter anderem die Krebsforschung unterstützt. Überhaupt hält sich Reeves bedeckt, wenn es um seine Person und sein Privatleben geht. Mehrere Kollegen, die mit ihm drehten, gaben zu Protokoll, dass er schweigsam, nachdenklich und schwer durchdringlich sei. Über seinen Glauben gibt er nur kryptisch Auskunft. Und seine Beziehung mit der Künstlerin Alexandra Grant, mit der er bereits zwei Bücher herausbrachte, ist für die Öffentlichkeit, von wenigen Auftritten auf dem roten Teppich abgesehen, tabu. 

Keanu Reeves © StarPix2016

Wahrscheinlich hängt seine Zurückhaltung auch mit den Erfahrungen nach diversen Schicksalsschlägen zusammen, die bei einem Prominenten wie ihm teilweise breit ausgeschlachtet wurden. Für Aufsehen im Medienzirkus sorgte etwa der Drogentod seines engen Freundes und „My Own Private Idaho“-Leinwandpartners River Phoenix im Jahr 1993. Gefundene Fressen für den Boulevard waren zudem die Totgeburt seiner Tochter Ava im Jahr 1999 und der Verlust von Avas Mutter Jennifer Syme, die 2001, kurz nachdem sie mit Reeves wieder zusammengekommen war, bei einem Autounfall starb.

River Phoenix and Keanu Reeves in My Own Private Idaho (1991)

Weniger schwerwiegend, aber doch zermürbend dürften auch die negativen Stimmen gewesen sein, die die Karriere des Darstellers schon früh begleiteten. Sein Spiel sei schrecklich hölzern, bemängelte so mancher Kritiker. Und gleich mehrere Male wurde Reeves für die Goldene Himbeere, den Hollywood-Antipreis für die schlechtesten Leistungen des Jahres, nominiert. „Gewinnen“ konnte er ihn bislang aber nie. In seiner Filmografie gibt es fraglos einige Fehlschüsse, beispielsweise den Serienkillerthriller „The Watcher“ (2000), in dem er nur widerwillig auftrat, oder jüngst den futuristischen Spannungsstreifen „Replicas“ (2018). Andererseits ist seine Rollenwahl aber erfreulich breit gefächert. Gaga-Parts wie in „Bill & Teds verrückte Reise durch die Zeit“ (1989) samt Fortsetzungen finden in seiner Laufbahn Platz neben eindringlichen Dramen wie „My Own Private Idaho“ (1991), romantischen Komödien wie „Something’s Gotta Give“ (2003), erfrischenden Coming-of-Age-Arbeiten wie „Thumbsucker“ (2007) und ungewöhnlichen Science-Fiction-Werken wie „A Scanner Darkly“ (2006).  Sein Interesse an der eigenen Kunstform Kino bekundete Reeves mit dem Dokumentarfilm „Side by Side“ (2012), für den er bekannte Filmemacher interviewte und der Frage nachging, welche Veränderungen die digitale Technik mit sich bringt. In seiner bislang einzigen Regiearbeit „Man of Tai Chi“ (2013) trug er seinem Martial-Arts-Interesse Rechnung.

Keanu Reeves bei einem Event für Man of Tai Chi (2013) © Getty Images

Ab Mitte der 2000er Jahre musste Reeves an den Kinokassen einige Misserfolge verkraften und schien an Starpower massiv eingebüsst zu haben. Mit dem beinharten Unterweltthriller „John Wick“ sorgte er 2014 allerdings für Furore und stellte einmal mehr seine Fähigkeiten im Actionfach unter Beweis. Die Figur des titelgebenden Ex-Auftragskillers, der die Tötung seines Hundes rächen will, erfreut sich heute, auch dank zweier Fortsetzungen, eines gewissen Kultcharakters. Dass Reeves nun, 18 Jahre nach „The Matrix Revolutions“ (2003), in seine wohl ikonischste Rolle zurückkehrt, ist ein weiterer Beleg, dass man den bescheidenen Hollywood-Star noch längst nicht abschreiben sollte. Ob er mit dem vierten Kapitel „The Matrix Resurrections“, das Neo auf eine andere Morpheus-Version treffen lässt und in den Kampf gegen eine neue Gefahr schickt, an den Erfolg der Vorgänger anschliessen kann, erfahren wir ab dem 23.12. Dann, wenn es wieder heisst: Follow the white rabbit!

Keanu Reeves bei einem Event für John Wick: Kapitel 3 (2019) © Getty Images