Der Horrorfaible des James Wan

von Nadine

Wer über das moderne Horrorkino spricht, kommt um den Namen James Wan nicht herum. Mit seinem zweiten Spielfilm, dem 2004 gestarteten Schocker „Saw“, setzte der in Malaysia geborene und in Australien aufgewachsene Regisseur und Drehbuchautor ein dickes Ausrufezeichen, das nicht nur eine langlebige Reihe aus der Taufe hob, sondern auch zahlreiche Nachahmer auf den Plan rief. Noch heute gilt „Saw“ als ein Beispiel für das Subgenre des sogenannten „Torture Porn“, eine von US-Kritiker David Edelstein geprägte Wendung, die Werke meint, in denen sadistische Grausamkeiten zu zentralen Handlungsbestandteilen werden. Dass sein Interesse über harte Horrorkost hinausgeht, stellte James Wan seit der „Saw“-Veröffentlichung wiederholt unter Beweis. Nach mehreren klassischen Spukbeiträgen und den gruselfernen Blockbuster-Produktionen „Fast & Furious 7“ und „Aquaman“ legt er mit „Malignant“ nun eine Hommage an die abgründige Giallo-Spielart vor, die die Italiener Mario Bava und Dario Argento in den 1960er und 1970er Jahren populär machten. Grund genug, einen Blick auf die düsteren Regiearbeiten Wans zu werfen.

1. „Saw“ (2004)

Darum geht’s: Der Arzt Dr. Gordon (Cary Elwes) und der Fotograf Adam (Leigh Whannell) kommen, angekettet in entgegengesetzten Ecken eines versifften Badezimmers, zu sich und haben zunächst keinen blassen Schimmer, wie sie an diesen unbekannten Ort gelangt sind. Über ein Tonband erhalten sie nach und nach Hinweise darauf, wie sie sich angeblich aus ihrer misslichen Lage befreien können. Irgendwann wird klar, dass sie Teilnehmer eines brutalen Spiels sind, das ein von den Polizisten David Tapp (Danny Glover) und Steven Sing (Ken Leung) gejagter, sich zum Moralapostel aufplusternder Serienmörder ausgeheckt hat.

Sehenswert, weil… der Film mit immer neuen Wendungen überrascht und seine Figuren vor viele schmerzhafte Entscheidungen stellt. Anders als es das Torture-Porn-Label vermuten lässt, ist der von Wan inszenierte und mit seinem Studienfreund Leigh Whannell entwickelte Streifen keine selbstzweckhafte Foltershow. Das die Erwartungen des Publikums immer wieder unterlaufende Drehbuch konzentriert sich nicht nur auf die beiden Gefangenen und ihre Befreiungsversuche, sondern lässt über eine effektive Rückblendenstruktur die Hintergründe ihrer schrecklichen Situation zunehmend konkreter werden. „Saw“ kann sich sicherlich nicht mit David Finchers vielkopiertem Serienkillerthriller „Sieben“ messen, erzeugt aber eine ganz eigene finstere Dynamik samt niederschmetterndem Schluss-Twist. Leider tendieren die aus dem Ursprungszenario entstandenen Fortsetzungen deutlich stärker in Richtung stumpfsinniger Gewaltdarstellungen.

https://www.teleboy.ch/programm/zdfneo/15604961/saw-wessen-blut-wird-fliessen

2. „Dead Silence“ (2007)

Darum geht’s: Als Jamie Ashen (Ryan Kwanten) und seine Ehefrau Lisa (Laura Regan) von einem unbekannten Absender eine seltsame Bauchrednerpuppe namens erhalten, gerät ihr Leben völlig aus den Fugen. Lisa kommt kurz darauf grausam zu Tode. Und Jamie findet sich plötzlich als Verdächtiger im Visier des Mordermittlers Detective Lipton (Donnie Wahlberg) wieder. Auf der Suche nach Antworten verschlägt es den Witwer in seine Heimatstadt, wo er der unheilvollen Geschichte der Bauchrednerin Mary Shaw nachspürt und von einem besonders hartnäckigen Fluch erfährt. 

Weniger packend als „Saw“: Ein schreckliches Verbrechen, die Rückkehr zu den eigenen Wurzeln, ein dunkles Familiengeheimnis und eine Puppe, die ein mörderisches Eigenleben führt – „Dead Silence“ greift zahlreiche vertraute Genremotive auf, entfaltet trotz einiger Handlungsschlenker aber keinen echten Sog. Klappte der Spannungsaufbau in ihrer vorherigen Gemeinschaftsarbeit „Saw“ noch recht gut, setzen James Wan und Leigh Whannell hier nicht immer die richtigen Akzente. Mit „Dead Silence“ schwenkt der australische Regisseur in seinem Schaffen vom harten Psychoterror zum gediegenen Grusel um, dem er in der Folge mit seinen Arbeiten teilweise neues Leben einhauchen konnte.

Ryan Kwanten in Dead Silence (2007) – © IMDb

3. „Insidious“ (2010)

Darum geht’s: Nach dem Einzug der Familie Lambert in ein neues, großzügiges Haus kommt es zu zunächst nur zu kleinen Irritation im Alltag. Eines Tages stürzt der älteste Sohn Dalton (Ty Simpkins) jedoch von einer Leiter auf dem Dachboden und fällt anschließend ins Koma. Mutter Renai (Rose Byrne) und Vater Josh (Patrick Wilson) beschleicht daraufhin das Gefühl, dass ihr Heim verflucht sein könnte. Um dem Schrecken zu entkommen, ziehen die Lamberts abermals um. Weil die unheimlichen Ereignisse aber auch damit nicht abreißen, wenden sie sich hilfesuchend an Elise Rainier (Lin Shaye), eine in paranormalen Angelegenheiten bewanderte Bekannte von Joshs Mutter Lorraine (Barbara Hershey).

Okay, aber nicht mehr: Die dritte Zusammenarbeit der Buddys James Wan und Leigh Whannell folgt den Mustern des klassischen Haunted-House-Subgenres, auch wenn „Insidious“ einen kleinen Dreh bereithält. Erfreulicherweise fällt der Gruselbeitrag nicht mit der Tür ins Haus, sondern führt das Publikum behutsam in das Leben der Lamberts ein. Dass der Regisseur das Einmaleins des Schauerkinos relativ souverän beherrscht, ist nicht zu übersehen. In der zweiten Hälfte nutzen sich einige Schockeffekte und Dämonenauftritte allerdings ab. Routine siegt hier über originelle Einfälle – so lässt sich das Endergebnis wohl am besten auf den Punkt bringen.

INSIDIOUS – TIFF Midnight Madness Premiere, Toronto with Ty Simpkins and James Wan – © IMDb

4. „The Conjuring“ (2013)

Darum geht’s: Ein altes Farmhaus im US-Bundesstart Rhode Island ist der neue Stolz des Ehepaares Carolyn (Lili Taylor) und Roger Perron (Ron Livingston), das mit seinen fünf Töchtern dort einzieht. Unerklärliche Zwischenfälle nähren jedoch den Verdacht, dass eine übernatürliche Macht in ihren vier Wänden am Werke ist. Als der Spuk unerträglich zu werden droht, ziehen die Perrons die erfahrenen Geisterjäger Lorraine (Vera Farmiga) und Ed Warren (Patrick Wilson) hinzu, die schnell über die ominöse Vergangenheit des Hauses stolpern. 

Sehenswert, weil… James Wan sein Gespür für klassischen Poltergeistgrusel gegenüber „Insidious“ noch einmal verfeinert. Erneut tauchen viele bekannte Elemente auf. „The Conjuring“ erzeugt jedoch eine dichte Atmosphäre und verliert seine Figuren nie aus den Augen. Hervorheben muss man sicher auch die Sorgfalt, mit der visuell und im Szenenbild das Gefühl des 1970er-Jahre-Schauplatzes heraufbeschworen wird. Unübersehbar verneigt sich Wan in einigen Momenten vor dem Horrorkino dieser Ära, ohne in einen plumpen Nachahmungsmodus zu verfallen. Eine zusätzliche Brisanz bekommt der Film dadurch, dass die Handlung auf den Erfahrungen des real existierenden Ehepaares Warren basiert. Nach dem gigantischen Kassenerfolg von „The Conjuring“ wurde eine von Wan als Ideengeber und Produzent mitbetreute Reihe ins Leben gerufen, die sich aus den Fallakten der beiden umstrittenen paranormalen Ermittler speist. Die Klasse des Ursprungswerks erreichte bislang allerdings keines der zum „Conjuring“-Universum gehörenden Schauerstücke.

Foto aus dem Film Conjuring - Die Heimsuchung
Conjuring – Die Heimsuchung – © 2012 Warner Bros. Entertainment Inc. All rights reserved.

5. „Insidious: Chapter 2“ (2013)

Darum geht’s: Nachdem Sohnemann Dalton (Ty Simpkins) am Ende des ersten Teils aus der mysteriösen Zwischenwelt befreit werden konnte, finden Renai (Rose Byrne) und Josh Lambert (Patrick Wilson) mit ihren Kindern Unterschlupf bei Joshs Mutter Lorraine (Barbara Hershey). Der Schrecken ist allerdings noch lange nicht vorbei. Die Polizei verdächtigt Josh, das Medium Elise Rainier (Lin Shaye) ermordet zu haben. Und auch im neuen Heim lassen die bösen Geister keine Ruhe. In ihren Bann gerät dieses Mal vor allem der unbescholtene Familienvater. Von den Entwicklungen zutiefst beunruhigt, kontaktiert Lorraine die Geisterjäger Specs (Leigh Whannell) und Tucker (Angus Sampson), die schon beim letzten Spukerlebnis behilflich waren.

Sequel Marke „Lieblos“: James Wans Begeisterung für das Horrorgenre ist in vielen seiner Regiearbeiten zu spüren. „Insidious: Chapter 2“ ist aber ein Paradebeispiel für eine ideenarme Fortsetzung, die sich nur wenig Mühe gibt, eine spannende Gruselstimmung zu kreieren. Die familiäre Konfliktsituation und ihre emotionalen Auswirkungen werden sträflich vernachlässigt, während schon früh der Geisterbahnmotor anspringt. Die meiste Zeit hangelt sich der Film von einem uninspirierten jump scare zum nächsten und erscheint gegen Ende auch noch reichlich wirr. Dass man das Sequel zu einem erfolgreichen Horrorfilm auch ganz anders aufziehen kann, zeigt Wan mit seinem zweiten „Conjuring“-Streich, der 2016 in die Kinos kam.

https://www.teleboy.ch/programm/6plus/18337305/insidious-chapter-2

6. „The Conjuring 2“ (2016)

Darum geht’s: Die Arbeit am sogenannten Amityville-Fall bringt die paranormale Ermittlerin Lorraine Warren (Vera Farmiga) zunehmend aus der Ruhe, weshalb sie ihren Ehemann Ed (Patrick Wilson) bittet, ihre übernatürlichen Nachforschungen vorübergehend einzustellen. Als die beiden jedoch ein Hilferuf aus London erreicht, fliegen sie über den großen Teich, um der alleinerziehenden Peggy Hodgson (Frances O’Connor) beizustehen. Sie und ihre Kinder wurden von einer bösen Präsenz so sehr bedrängt, dass sie ihr Haus im Viertel Enfield verlassen und in der Nachbarschaft unterkommen mussten. Im Visier des Dämons ist vor allem die elfjährige Janet (Madison Wolfe), die auf einmal mit der Stimme eines alten Mannes spricht. Ed und Lorraine sollen schließlich klären, ob die medial aufsehenerregende Geschichte der Wahrheit entspricht oder aber fingiert ist.

Sehenswert, weil… der Film so ziemlich alles anders macht als „Insidious: Chapter 2“. Sieht man von kleinen Ausnahmen ab, sind die Schockeffekte wohldosiert. Und was noch wichtiger ist: „The Conjuring 2“ nimmt sich ungewöhnlich viel Zeit, um in die Erfahrungswelt der Protagonisten – sowohl der Hodgsons als auch der Warrens – einzuführen. Statt Hektik dominiert hier die ruhige Hand. Den Figuren fühlt man sich dadurch gleich ein ganzes Stück näher. Ruhepausen mit einer teilweise erstaunlichen emotionalen Kraft werden gut auf die mehr als zweistündige Laufzeit verteilt, wobei man in diesem Zusammenhang das reife Spiel von Jungdarstellerin Madison Wolfe hervorheben muss. Dank ihrer Leistung bleibt Janets Leiden nicht abstrakt, sondern wird konkret erlebbar. Den überzeugenden Eindruck runden schließlich die, wie schon in „The Conjuring“, erlesene Optik und die detailverliebte 1970er-Jahre-Ausstattung ab.

https://www.teleboy.ch/programm/4plushd/16867128/conjuring-2