Virtuelle Realität im Film

von Nadine

Als audiovisuelles Medium ist der Film prädestiniert dafür, den Zuschauer in spektakuläre, nie gesehene Welten zu entführen. Gerade heutzutage, da unser Alltag immer digitaler wird, erfreuen sich künstlich erschaffene Universen einer riesigen Beliebtheit. Abenteuerräume, wie sie die am 01. Dezember auf 3+ laufende Romanverfilmung „Ready Player One“ eröffnet. Vor dem Hintergrund dieser Ausstrahlung haben wir ein paar Werke zusammengetragen, die sich auf die ein oder andere Weise mit dem Aspekt der virtuellen Realität befassen.

„Welt am Draht“ (1973)

Darum geht’s: In den 1970er Jahren betreibt das Institut für Kybernetik und Zukunftsforschung umfangreiche Studien über das Phänomen der virtuellen Realität. Mithilfe eines Supercomputers können die Wissenschaftler eine künstliche Welt erschaffen, in der sich Figuren tummeln, die sich selbst für echte Lebewesen halten. Als Professor Henry Vollmer (Adrian Hoven), der Leiter der Einrichtung, unter mysteriösen um Ständen zu Tode kommt und ein Sicherheitsmann spurlos verschwindet, begibt sich der neue Institutschef Fred Stiller (Klaus Löwitsch) auf Spurensuche. Mehr und mehr glaubt er an eine riesige Verschwörung.

Wichtiger Vorreiter: Lange bevor das Thema „Virtuelle Realität“ in Kinoblockbustern für wilde Abenteuerritts genutzt wurde, nahm sich der deutsche Autorenfilmer Rainer Werner Fassbinder der Erschaffung und Simulation künstlicher Welten an. Der zweiteilige Fernsehfilm „Welt am Draht“, ein anregender Mix aus Kriminalstück, Noir-Geschichte und finsterer Zukunftsvision, basiert auf Daniel F. Galouyes Science-Fiction-Roman „Simulacron-3“, entwirft ein ebenso spannendes wie komplexes Geflecht an unterschiedlichen Erzählebenen und regt den Zuschauer zum Nachdenken über die eigene Existenz und Wirklichkeitswahrnehmung an. Nicht wenige spätere Werke dürften von Fassbinders kluger Adaption inspiriert worden sein.

Welt am Draht (1973) © Westdeutscher Rundfunk (WDR)

„Abre los ojos“ (1997)

Darum geht’s: Der wohlhabende und arrogante Herzensbrecher César (Eduardo Noriega) trifft auf seiner Geburtstagsparty die hübsche Sofía (Penélope Cruz) und fühlt bei ihr zum ersten Mal so etwas wie brennende Liebe. Die eifersüchtige Nuria (Najwa Nimri), mit der er gelegentlich schläft, stellt ihm weiterhin nach, lockt ihn in ihren Wagen und verursacht vorsätzlich einen Unfall, der César mit einem komplett entstellten Gesicht zurücklässt. Nach dem Ereignis kann der in seinem Selbstbewusstsein schwer getroffene Mann Wirklichkeit und Imagination nur noch schwer auseinanderhalten und begeht schließlich ein Verbrechen, das ihn mit dem Psychiater Antonio (Chete Lera) zusammenbringt.

Packendes Verwirrspiel: In seinem zweiten Spielfilm entblättert der spanischer Regisseur und Drehbuchautor Alejandro Amenábar eine raffiniert komponierte Geschichte um Schein und Sein, die im letzten Drittel in eine futuristische Richtung kippt und vor allem eine Frage untersucht: Wie wäre es, wenn man eine als grausam und schmerzhaft empfundene Realität gegen eine virtuelle Wunschvorstellung einlösen könnte? Würde man sich damit einen Gefallen tun? Der wendungsreiche psychologische Rätselthriller machte seinen Schöpfer international bekannt und zog 2001 das Hollywood-Remake „Vanilla Sky“ nach sich, in dem Penélope Cruz abermals als Sofia zu sehen ist, dieses Mal aber Tom Cruise in der Rolle des aus der Bahn geworfenen Casanovas betört.

Penélope CruzFele Martínez, and Eduardo Noriega in Abre los ojos (1997) © IMDb

„The Matrix“ (1999)

Darum geht’s: Der ins Visier ominöser Agenten geratene Softwareentwickler und Teilzeithacker Thomas A. „Neo“ Anderson (Keanu Reeves) staunt nicht schlecht, als ihm ein mysteriöser Mann namens Morpheus (Laurence Fishburne) offenbart, dass die ihn umgebende Welt nichts weiter als eine gigantische, von Maschinen erschaffene Simulation ist. Ausgerechnet der bislang ahnungslose Computerexperte soll die von den künstlichen Intelligenzen niedergeworfene Menschheit aus ihrem Sklavendasein befreien.

Moderner Klassiker: Spricht man über virtuelle bzw. simulierte Realität im Film, führt an „The Matrix“ kein Weg vorbei. Mit ihrem dystopischen, religiös aufgeladenen, die Wahrnehmung hinterfragenden, mitreissende Kampfszenen umfassenden Science-Fiction-Thriller schufen die Wachowski-Geschwister einen kraftvoll-cleveren Beitrag zum Thema, der in seiner düster-ausgeblichenen Farbgebung eine durchgehend bedrückende Atmosphäre erzeugt. In der Rolle des unverhofften Helden avancierte Keanu Reeves zu einem der bestbezahlten Hollywood-Stars und spielte den Computerhacker Neo auch in den beiden bislang veröffentlichten Fortsetzungen „The Matrix Reloaded“ (2003) und „The Matrix Revolutions“ (2003). Ende Dezember 2021 soll, sofern es die Pandemie-Lage erlaubt, „The Matrix Resurrections“, der vierte Teil der Saga, in die Kinos kommen.

Keanu Reeves and Carrie-Anne Moss in The Matrix (1999) © IMDb

„eXistenZ“ (1999)

Darum geht’s: Die Gamedesignerin Allegra Geller (Jennifer Jason Leigh) stellt bei einer Produktpräsentation ihr neues Virtual-Reality-Spiel vor, das auf den Namen „eXistenZ“ hört. Die Informationen der fleischartigen Konsole werden den für dieses Ereignis ausgewählten Testpersonen über eine Öffnung im Rücken, den sogenannten Bioport, direkt in ihr zentrales Nervensystem übermittelt, sodass die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Simulation komplett verwischen. Als während der Vorstellung ein Anschlag auf Allegra verübt wird, den diese verletzt überlebt, ergreift sie mit dem PR-Trainee Ted Pikul (Jude Law) die Flucht und erkennt nur wenig später, dass sie selbst in ihr Spiel eintauchen muss, um die beschädigte Konsole reparieren zu können.

Unkonventioneller Cyber-Thriller: Seinen Ruf als eigenwilliger Regisseur mit Vorliebe für Eingriffe und Deformationen am menschlichen Körper zementierte David Cronenberg auch mit „eXistenZ“. Konsequenter als viele andere Filmemacher blickt der Kanadier darin auf das Konzept der virtuellen Realität und führt den Zuschauer in ein zunehmend undurchschaubares Labyrinth. Wo die Realität der Protagonisten endet und wo die künstliche Welt des Computerspiels beginnt, ist selbst am Ende nicht klar zu fassen. Wer sich auf Cronenbergs abseitige Ideen wie die seltsam organische Konsole und seine vom dramaturgischen Mainstream-Muster abweichende Erzählweise einlassen kann, wird allerdings belohnt mit einem ironisch gebrochenen Cyber-Thriller, der das Verhältnis von Mensch und Umwelt sowie die Faszination an und die Angst vor der Technik hellsichtig verhandelt.

Jude Law and Jennifer Jason Leigh in eXistenZ (1999) © IMDb

„Ready Player One“ (2018)

Darum geht’s: Die Realität im Jahr 2045 sieht denkbar düster aus. Wie viele andere Menschen auch haust der Teenager Wade Watts (Tye Sheridan) in einem aus aufgetürmten Wohnwagen bestehenden Slum und flüchtet so oft es eben geht in Gestalt seines Avatars Parzival in die virtuelle Welt der OASIS. Einer ausgeklügelten Online-Landschaft, deren Spieler sich alle nur erdenklichen Wünsche erfüllen können. Seit dem Tod des OASIS-Entwicklers James Halliday (Mark Rylance) ist in diesem Paralleluniversum eine Jagd nach dem goldenen Easter Egg entbrannt, das der Verstorbene dort versteckt hat. Dem Finder winkt das Vermögen des Designers und die Kontrolle über die OASIS. Wade und einige Mitstreiter, darunter die geheimnisvolle Art3mis alias Samantha (Olivia Cooke) müssen es dabei mit dem skrupellosen Konzernchef Sorrento (Ben Mendelsohn) aufnehmen, der es ebenfalls auf Hallidays Schöpfung abgesehen hat.

Ein grosser Abenteuerspielplatz: Steven Spielbergs Verfilmung des gleichnamigen Romans von Ernest Cline ist Spektakel- und Zitatkino in reinster Form. Genauso wie die Protagonisten werden wir in eine von der Popkultur der 1980er Jahre geprägte Welt der unbegrenzten Möglichkeiten entführt, in der es an jeder Ecke staunenswerte Dinge zu entdecken gibt. Wer Lust hat, taucht hier beispielsweise in eine digitale Nachbildung der Kulissen von Stanley Kubricks Horrormeisterwerk „The Shining“ (1980) ein. Einen kritischen Blick auf das Phänomen der virtuellen Realität bietet der Film, wenn überhaupt, nur ganz am Rande. Die meiste Zeit gleicht „Ready Player One“ einer lustvoll verspielten Ode an das Nerdtum, die trotz nicht allzu stark ausgearbeiteter Figuren rund zweieinhalb Stunden Laune macht.

Tye Sheridan in Ready Player One (2018) © IMDb

„Free Guy“ (2021)

Darum geht’s: Tagein, tagaus geht der stets gutgelaunte Guy (Ryan Reynolds) seiner Arbeit als Bankangestellter in Free City nach und hält sich von all den explosiven Verfolgungsjagden und Schiessereien fern, die sich in den Strassen seiner Stadt abspielen. Als er dem lässigen Molotov Girl (Jodie Comer) begegnet, ist es um den schon lange von der richtigen Frau träumenden Kassierer geschehen. Plötzlich wird Guy bewusst, dass er eine Hintergrundfigur in einem Open-World-Videogame ist, und auf einmal beginnt er, von seinen Routinen abzuweichen, womit er den hinterlistigen Spielepublisher Antwan (Taika Waititi) auf den Plan ruft. Gemeinsam mit Molotov Girl, der Avatarin der real existierenden Millie, muss Guy schon bald seine Welt vor der Auslöschung bewahren.

Normalo wird zum Helden: Shawn Levys Kreuzung aus Liebesfilm und Actionkomödie hat erzählerische Schwächen und ist manchmal etwas heuchlerisch, wartet aber mit vielen visuellen Einfällen und einem herrlich spielfreudigen Ryan Reynolds auf. Die Grundidee, eine von Videogamern nicht steuerbare Figur, im Fachjargon non-player character (NPC) genannt, mit einem neuen Bewusstsein auszustatten, hat ihren Reiz und erinnert an Peter Weirs Mediensatire „The Truman Show“ (1998). Wie sich Guy von einem absoluten Normalo mit stets gleich ablaufenden Alltag in einen zupackenden Helden verwandelt, lässt auch an die Reise des Bauarbeiters Emmet aus „The Lego Movie“ (2014) denken. Die Verbindung zwischen Wirklichkeit und virtueller Welt wird in „Free Guy“ nicht zum Gegenstand einer tiefschürfenden Diskussion, sondern dient als Aufhänger für eine wilde, augenzwinkernde Sause.

Ryan Reynolds and Lil Rel Howery in Free Guy (2021) © 2020 Twentieth Century Fox Film Corporation